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Zwischen neuer Intelligenz und realer Wertschöpfung: Worauf es in der Industrie jetzt ankommt

  • Autorenbild: Nahed Hatahet
    Nahed Hatahet
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Künstliche Intelligenz verändert die Industrie nicht nur dort, wo neue Technologien Einzug halten, sondern vor allem dort, wo Menschen Verantwortung tragen, Prozesse zusammenwirken und aus Möglichkeiten echte Wirkung werden muss.


Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob aus digitalem Fortschritt auch reale Wertschöpfung entsteht. Im Rahmen des Industrietags 2026 spreche ich mit DI Ariane Herzog von der Salinen Austria AG, die auch im Talkformat „Der Maschinenraum“ vertreten ist, über die industrielle Realität im Zeitalter der KI. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Hype und Technikfaszination, sondern die entscheidenden Fragen unserer Zeit: Wie verändert künstliche Intelligenz industrielle Arbeit, was bedeutet das für Organisation und Führung, und wie gelingt es, den Menschen dabei nicht aus dem Zentrum zu verlieren?


Bild © Monika Loeff

„Mich fasziniert an der Industrie die Verbindung aus greifbarer Realität und stiller Komplexität."

(Zitat: DI Ariane Herzog, Salinen Austria AG)

Nahed Hatahet: Frau DI Herzog, Industrie ist weit mehr als Produktion. Sie steht für Verantwortung, Substanz und echte Wertschöpfung. Was hat Sie persönlich an der Industrie immer am meisten fasziniert – und was davon wird gerade jetzt, in einer Zeit tiefgreifender technologischer Veränderungen, noch wertvoller?


DI Ariane Herzog: Mich fasziniert an der Industrie die Verbindung aus greifbarer Realität und stiller Komplexität. Am Ende steht immer etwas, das man messen und verantworten kann: Qualität, Sicherheit, Versorgung, Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung. Gleichzeitig ist Industrie ein präzises Zusammenspiel aus Menschen, Know-how, Anlagen, Rohstoffen, Energie, Logistik und klaren Regeln – diese Orchestrierung beeindruckt mich. Mich treibt die Haltung an, Probleme nicht nur zu analysieren, sondern zu lösen: Wenn ein Prozess instabil ist, eine Anlage ausfällt oder Rahmenbedingungen sich ändern, zählt nicht die Ausrede, sondern die nächste beste Entscheidung. Diese Konsequenz – und der Respekt vor physikalischen Grenzen – machen Industrie für mich so ehrlich. Gerade jetzt wird das noch wertvoller: die Fähigkeit, Innovation in verlässliche Routinen zu übersetzen. KI, Automatisierung und Daten entfalten ihren Nutzen nur, wenn sie in robuste Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und eine Lernkultur eingebettet sind. Industrie ist daher kein Ort des Hypes, sondern der Umsetzung – dort, wo Fortschritt Tag für Tag geliefert wird: nachhaltig, sicher und mit Blick auf die Menschen, die es möglich machen.


Nahed Hatahet: Künstliche Intelligenz ist in der Industrie angekommen – als Hoffnung, als Erwartung, als erste konkrete Anwendung. Gleichzeitig zeigt sich, dass zwischen technologischer Möglichkeit und gelebter Praxis oft noch ein großer Unterschied liegt. Wo stehen die Industrieunternehmen aus Ihrer Sicht heute wirklich?

DI Ariane Herzog: Aus meiner Sicht stehen viele Industrieunternehmen heute an einem strategischen Wendepunkt. Künstliche Intelligenz ist in den Führungsetagen angekommen – als Hoffnung auf Effizienz, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig zeigt sich im operativen Alltag, dass der Schritt von der technologischen Möglichkeit zur wirksamen Umsetzung anspruchsvoll ist. In vielen Unternehmen wird KI bisher punktuell eingesetzt: als Pilot, als Use Case, als Machbarkeitsnachweis. Der unternehmensweite Hebel wird damit noch selten erreicht.


Die entscheidende Herausforderung ist weniger technischer Natur als eine Führungsaufgabe. Es geht darum, klare Prioritäten zu setzen, echten Mehrwert zu definieren und Verantwortung zu verankern. Datenqualität, Prozessstabilität und interdisziplinäre Zusammenarbeit müssen aktiv eingefordert und aufgebaut werden. Führung bedeutet hier auch, Orientierung zu geben: KI nicht als Selbstzweck zu treiben, sondern gezielt zur Lösung konkreter betrieblicher Fragestellungen einzusetzen.


Dort, wo Führung Klarheit schafft, Ressourcen bündelt und Menschen mitnimmt, wird KI bereits wirksam. Insgesamt steht die Industrie heute nicht am Anfang, aber noch vor der Skalierung. Die nächste Entwicklungsstufe entscheidet sich daran, ob es gelingt, KI strategisch zu führen und nachhaltig im operativen Geschäft zu verankern.


Nahed Hatahet: Gerade in der Industrie entscheidet sich der Wert neuer Technologien nicht an schönen Versprechen, sondern dort, wo Qualität steigt, Prozesse besser werden, Wissen nutzbar wird und Menschen wirksamer arbeiten können. In welchen Anwendungsfeldern sehen Sie derzeit das größte Potenzial, dass künstliche Intelligenz echten Mehrwert stiften kann?


DI Ariane Herzog: Das größte Potenzial von künstlicher Intelligenz sehe ich derzeit dort, wo sie unmittelbar an Kernprozessen ansetzt und messbaren Nutzen stiftet. In der Industrie sind das vor allem Anwendungsfelder wie Qualitätsüberwachung, vorausschauende Instandhaltung und Prozessstabilisierung. Hier kann KI helfen, Abweichungen frühzeitig zu erkennen, Ursachen schneller zu verstehen und Ausfälle oder Ausschuss zu vermeiden.


Bild © Monika Loeff

„Dort wo Führung Klarheit schafft, Ressourcen bündelt und Menschen mitnimmt, wird KI bereits wirksam. Insgesamt steht die Industrie heute nicht am Anfang, aber. noch vor der Skalierung."

(Zitat: DI Ariane Herzog, Salinen Austria AG)


Ein weiteres zentrales Feld ist die bessere Nutzung von vorhandenem Wissen. Viele Unternehmen verfügen über große Mengen an Erfahrungs‑, Produktions‑ und Anlagendaten, die bisher kaum systematisch ausgewertet wurden. KI kann dieses Wissen zugänglich machen – für Entscheidungen, für Schulung, für die tägliche Arbeit an der Linie.


Aus Führungssicht besonders relevant ist zudem die Unterstützung von Planung und Steuerung: realistischere Prognosen, transparentere Zusammenhänge und fundiertere Entscheidungsgrundlagen. Entscheidend ist dabei nicht der technologische Anspruch, sondern der konkrete Mehrwert für Menschen und Prozesse. Dort, wo KI Qualität erhöht, Arbeit erleichtert und Verantwortung besser wahrnehmbar macht, entsteht echter Nutzen – und Akzeptanz.


Nahed Hatahet: Wir erleben derzeit, dass künstliche Intelligenz nicht nur unterstützt, sondern zunehmend Wissen zugänglich macht, Abläufe vorbereitet und Arbeit in Teilen aktiv mitgestaltet. Für Industrieunternehmen stellt sich damit nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine organisatorische Frage. Was bedeutet diese Entwicklung aus Ihrer Sicht für Führung, Organisation und das Zusammenspiel von Mensch und digitalem System in der Industrie?


DI Ariane Herzog: KI wird vom Effizienzwerkzeug zum Co‑Pilot in Kernprozessen. Strategisch heißt das: Wir gestalten nicht nur Technologie, sondern Entscheidungssysteme. Für die Führung ist daher das Wichtigste eine klare KI‑Governance: Welche Entscheidungen dürfen automatisiert, welche nur vorbereitet und welche niemals delegiert werden? Wer verantwortet Zielbilder, Daten, Modelle, Freigaben und Haftung? Und welche Leitplanken gelten immer – Arbeitssicherheit, Qualität, Compliance und Versorgungssicherheit vor Tempo.


Bild © Monika Loeff

„KI muss erklärbar sein, Grenzen und Unsicherheit offenlegen und im Audit nachvollziehbar bleiben. Wenn Führung diese Rahmenbedingungen konsequent schafft und Erfolge sichtbar macht, wird KI vom Angstthema zum gestaltbaren Werkzeug - und zum gemeinsamen Projekt von Betrieb und Technologie.

(Zitat: DI Ariane Herzog, Salinen Austria AG)


Organisatorisch braucht es ein belastbares Operating Model statt Einzel‑Piloten: eindeutige Data- und Process-Ownership, gemeinsame IT/OT‑Verantwortung, und Teams, die Use Cases industrialisieren. Der Shopfloor ist dabei die Referenz: Feedbackschleifen müssen systematisch in Daten, Regeln und Standards zurücklaufen. KI macht Optionen, Annahmen und Unsicherheit transparent; Menschen entscheiden bei Abweichungen und Risiken. So wird Skalierung möglich: durch Standardisierung, messbare Wertbeiträge und Vertrauen, das aus Nachvollziehbarkeit und Kompetenzaufbau entsteht.


Nahed Hatahet: Immer dann, wenn sich Arbeitswelten spürbar verändern, entstehen nicht nur Neugier und Aufbruch, sondern auch Unsicherheit, Skepsis oder Angst. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Menschen in der Industrie diese Entwicklung nicht als Bedrohung erleben, sondern als etwas, das man verantwortungsvoll gestalten kann?


DI Ariane Herzog: Damit Menschen KI nicht als Bedrohung erleben, braucht es vor allem Orientierung, Beteiligung und Verlässlichkeit. Orientierung heißt: ein klares Warum und ein realistisches Zielbild – wofür nutzen wir KI, was ändert sich konkret, und was bleibt bewusst menschliche Entscheidung? Beteiligung heißt: Betroffene zu Beteiligten machen. Wer an Anlagen, Qualität oder Planung arbeitet, muss Use Cases mitgestalten, testen und Rückmeldung geben – sonst entsteht Widerstand statt Wirkung.


Verlässlichkeit entsteht über drei Dinge: erstens Qualifizierung (Zeit, Trainings, Lernpfade) und neue Rollen, damit Kompetenz nicht zufällig wächst. Zweitens Fairness und Sicherheit: klare Regeln zu Leistungsmessung, Datenverwendung und Verantwortlichkeiten – inklusive „Stop‑the‑line“, wenn Sicherheit oder Qualität gefährdet sind. Drittens Transparenz: KI muss erklärbar sein, Grenzen und Unsicherheit offenlegen und im Audit nachvollziehbar bleiben. Wenn Führung diese Rahmenbedingungen konsequent schafft und Erfolge sichtbar macht (weniger Störungen, bessere Qualität, leichtere Schichtübergaben), wird KI vom Angstthema zum gestaltbaren Werkzeug – und zum gemeinsamen Projekt von Betrieb und Technologie.



07.05.2026 | Autor: Nahed Hatahet


 
 
 

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