Industrie im Zeitalter der KI: Warum es jetzt um Menschen, Organisation und Wettbewerbsfähigkeit geht
- Nahed Hatahet
- vor 8 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Künstliche Intelligenz ist in der Industrie längst kein Zukunftsthema mehr. Vieles wurde bereits ausprobiert, manches erfolgreich pilotiert, und dennoch zeigt sich in der Praxis sehr deutlich: Der entscheidende Schritt liegt nicht in der Technologie allein, sondern in der Frage, wie Unternehmen Menschen, Organisation und konkrete Anwendungsfälle klug zusammenführen.
Genau darüber spreche ich im Rahmen des Industrietags 2026 mit KommR Mag. Erich Frommwald, Spartenobmann der Industrie in Oberösterreich und langjährig unternehmerisch geprägtem Industrievertreter.Â
Im Mittelpunkt stehen nicht Hype und Technikromantik, sondern die industrielle Realität: Wettbewerbsfähigkeit, Verantwortung, neue Formen der Zusammenarbeit und die Frage, wie Industrie mit KI strategisch sinnvoll umgehen sollte.

Bild © Sissi Furgler
„Mich hat in der Industrie immer fasziniert, dass hier am Ende etwas Reales steht."
(Zitat: KommR Mag. Erich Frommwald,
Spartenobmann der Industrie in Oberösterreich)
Nahed Hatahet: Herr Mag. Frommwald, Industrie ist weit mehr als Produktion. Sie steht für Verantwortung, Substanz und echte Wertschöpfung. Was hat Sie persönlich an der Industrie immer am meisten fasziniert – und was davon wird gerade jetzt, in einer Zeit tiefgreifender technologischer Veränderungen, noch wertvoller?
Mag. Erich Frommwald: Mich hat an der Industrie immer fasziniert, dass hier am Ende etwas Reales entsteht. Nicht nur Ideen oder Konzepte, sondern Produkte, Infrastruktur, Arbeitsplätze und damit ganz konkrete Wertschöpfung. Industrie ist für mich immer etwas sehr Bodenständiges gewesen – im besten Sinn. Sie verbindet technisches Können mit Verantwortung und sie zwingt einen dazu, langfristig zu denken.
Gerade in der Zementindustrie sieht man das besonders deutlich. Da reden wir nicht über kurzfristige Trends, sondern über Anlagen, Prozesse und Investitionen, die auf Jahrzehnte ausgelegt sind. Gleichzeitig ist das ein Bereich mit hohen Anforderungen an Qualität, Energieeffizienz und Verlässlichkeit. Genau diese Mischung hat mich immer fasziniert.
Und ich glaube, dass genau das heute noch wertvoller wird. Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel über Technologie gesprochen wird. Aber entscheidend ist ja nicht, was theoretisch alles möglich ist, sondern was in der Praxis wirklich funktioniert. Die Industrie war immer dann stark, wenn sie Innovation mit Substanz verbunden hat. Und das gilt heute mehr denn je. Neue Technologien wie KI können viel bewegen. Aber sie entfalten ihren Wert erst dann, wenn sie helfen, Prozesse besser zu machen, Ressourcen effizienter einzusetzen und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Am Ende bleibt Industrie ein Geschäft der Verantwortung – und das wird gerade jetzt besonders sichtbar.
Nahed Hatahet: Künstliche Intelligenz ist in der Industrie angekommen – als Hoffnung, als Erwartung, als erste konkrete Anwendung. Gleichzeitig zeigt sich, dass zwischen technologischer Möglichkeit und gelebter Praxis oft noch ein großer Unterschied liegt. Wo stehen die Industrieunternehmen aus Ihrer Sicht heute wirklich?
Mag. Erich Frommwald: Ich würde sagen: Die Industrie ist bei dem Thema weiter, als oft behauptet wird – aber sie ist noch mitten in der Lernkurve. Es gibt viele Unternehmen, die längst konkrete Anwendungen im Einsatz haben, etwa in der Qualitätskontrolle, in der Instandhaltung oder in der Optimierung von Produktionsprozessen. Gerade in energieintensiven Bereichen kann man heute schon sehr klar sehen, welchen Unterschied datenbasierte Systeme machen können.
Auch in der Zementindustrie sieht man das. Wenn Prozessdaten sauber ausgewertet werden, kann man Anlagen stabiler fahren, Energie gezielter einsetzen und Abweichungen früher erkennen. Das ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern in vielen Bereichen schon Realität.

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„Es gibt viele Unternehmen die längst konkrete Anwendungen im Einsatz haben, etwa in der Qualitätskontrolle, in der Instandhaltung oder in der Optimierung von Produktionsprozessen."
(Zitat: KommR Mag. Erich Frommwald, Spartenobmann der Industrie in Oberösterreich)
Gleichzeitig muss man aber auch ehrlich sagen: Zwischen einem erfolgreichen Pilotprojekt und einer breiten Verankerung im Unternehmen liegt ein großer Schritt. Der Engpass ist oft nicht die Technologie, sondern die Umsetzung. Es geht um Datenqualität, um Verantwortlichkeiten, um Schnittstellen und vor allem darum, ob ein Unternehmen bereit ist, solche Themen wirklich strategisch anzugehen.
Mein Eindruck ist: Der Hype ist vorbei, und das ist eigentlich gut. Jetzt beginnt die ernsthafte Phase. Jetzt wird sich zeigen, welche Anwendungen echten Nutzen bringen und wo KI tatsächlich hilft, Qualität, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Genau darauf kommt es an.
Nahed Hatahet: Gerade in der Industrie entscheidet sich der Wert neuer Technologien nicht an schönen Versprechen, sondern dort, wo Qualität steigt, Prozesse besser werden, Wissen nutzbar wird und Menschen wirksamer arbeiten können. In welchen Anwendungsfeldern sehen Sie derzeit das größte Potenzial, dass künstliche Intelligenz echten Mehrwert stiften kann?
Mag. Erich Frommwald: Das größte Potenzial liegt aus meiner Sicht überall dort, wo KI hilft, industrielle Prozesse robuster, effizienter und besser steuerbar zu machen. Also nicht dort, wo man am lautesten darüber spricht, sondern dort, wo sie im Alltag einen messbaren Unterschied macht.
Ein sehr naheliegendes Feld ist die Prozessoptimierung. Gerade in energieintensiven Industrien ist das ein enormer Hebel. Wenn ich Temperaturverläufe, Materialeinsatz oder andere Prozessparameter laufend besser auswerten kann, dann kann ich Anlagen stabiler fahren und Ressourcen gezielter einsetzen. In der Zementindustrie ist das besonders relevant, weil dort jeder Fortschritt bei Energieeffizienz, Prozessstabilität und Emissionsreduktion doppelt zählt – wirtschaftlich und ökologisch.
Ein zweiter Bereich ist die vorausschauende Wartung und die Qualitätskontrolle. Wenn ich früher erkenne, dass sich ein Problem anbahnt, dann vermeide ich Stillstände, Ausschuss und unnötige Kosten. Das ist in der Industrie oft viel wertvoller als jede spektakuläre Einzelanwendung.

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„Zwischen einem erfolgreichen Pilotprojekt und einer breiten Verankerung im Unternehmen liegt ein großer Schritt. Der Engpass ist oft nicht die Technologie, sondern die Umsetzung."
(Zitat: KommR Mag. Erich Frommwald,
Spartenobmann der Industrie in Oberösterreich)
Und ein dritter Punkt, der aus meiner Sicht manchmal unterschätzt wird, ist das Thema Wissen. In vielen Unternehmen steckt enorm viel Erfahrung in den Köpfen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn es gelingt, dieses Wissen besser verfügbar zu machen und mit digitalen Systemen nutzbar zu verbinden, dann ist das ein echter Fortschritt. Gerade mit Blick auf Fachkräftemangel und demografische Entwicklung ist das ein ganz wesentlicher Hebel.
Nahed Hatahet: Wir erleben derzeit, dass künstliche Intelligenz nicht nur unterstützt, sondern zunehmend Wissen zugänglich macht, Abläufe vorbereitet und Arbeit in Teilen aktiv mitgestaltet. Für Industrieunternehmen stellt sich damit nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine organisatorische Frage. Was bedeutet diese Entwicklung aus Ihrer Sicht für Führung, Organisation und das Zusammenspiel von Mensch und digitalem System in der Industrie?
Mag. Erich Frommwald: Ich glaube, dass viele noch unterschätzen, wie stark diese Entwicklung die Organisation selbst verändert. KI ist eben nicht nur ein neues Werkzeug. Sie greift in Abläufe ein, sie verändert Entscheidungsgrundlagen und sie verändert auch das Zusammenspiel zwischen Menschen, Fachbereichen und Technologie.
Für Führung heißt das vor allem: Orientierung geben. Es reicht nicht, neue Systeme einzuführen und dann zu hoffen, dass sich der Rest schon ergibt. Man muss klar sagen, wo KI unterstützen soll, wo ihre Grenzen liegen und wer am Ende die Verantwortung trägt. Und da bin ich sehr klar: Die Verantwortung muss beim Menschen bleiben. Gerade in der Industrie, wo es um Qualität, Sicherheit und Verlässlichkeit geht, darf es hier keine Unschärfen geben.

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„Der Hype ist vorbei, und das ist eigentlich gut. Jetzt beginnt die ernsthafte Phase."
(Zitat: KommR Mag. Erich Frommwald,
Spartenobmann der Industrie in Oberösterreich)
Gleichzeitig wird Zusammenarbeit anders. Daten verlaufen nicht entlang klassischer Abteilungsgrenzen, und viele Entscheidungen werden stärker vorbereitet, analysiert und unterstützt. Das verlangt neue Kompetenzen – aber auch eine andere Führungskultur. Weniger Silodenken, mehr gemeinsames Verständnis, mehr Bereitschaft, Dinge laufend weiterzuentwickeln.
Am Ende geht es nicht darum, Mensch und Maschine gegeneinander zu stellen. Die eigentliche Aufgabe ist, beides so zusammenzubringen, dass daraus bessere Entscheidungen, stabilere Prozesse und mehr Zukunftsfähigkeit entstehen. Genau daran wird sich gute Führung in Zukunft messen lassen müssen.
Nahed Hatahet: Immer dann, wenn sich Arbeitswelten spürbar verändern, entstehen nicht nur Neugier und Aufbruch, sondern auch Unsicherheit, Skepsis oder Angst. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Menschen in der Industrie diese Entwicklung nicht als Bedrohung erleben, sondern als etwas, das man verantwortungsvoll gestalten kann?
Mag. Erich Frommwald: Zuerst einmal braucht es Offenheit und Ehrlichkeit. Menschen spüren sehr schnell, ob man ihnen etwas schönredet. Wenn sich Arbeit verändert, dann wirft das Fragen auf – und manchmal auch Sorgen. Das ist völlig normal. Entscheidend ist, wie man damit umgeht.

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„Am Ende geht es nicht darum, Mensch und Maschine gegeneinander zu stellen. Die eigentliche Aufgabe ist, beides so zusammenzubringen, dass daraus bessere Entscheidungen, stabilere Prozesse und mehr Zukunftsfähigkeit entstehen."
(Zitat: KommR Mag. Erich Frommwald,
Spartenobmann der Industrie in Oberösterreich)
Wichtig ist, die Menschen früh mitzunehmen und nicht erst dann, wenn alles schon entschieden ist. Wer versteht, warum neue Systeme eingeführt werden, wo ihr konkreter Nutzen liegt und was das für den eigenen Arbeitsalltag bedeutet, geht ganz anders damit um. Akzeptanz entsteht nicht durch PowerPoint, sondern durch nachvollziehbare Praxis.
Ich glaube auch, dass Qualifizierung ein ganz zentraler Punkt ist. Die Industrie war immer dann stark, wenn sie in Menschen investiert hat. Das gilt auch hier. Nicht jeder muss ein KI-Experte werden. Aber viele müssen ein Gefühl dafür bekommen, was diese Systeme können, wo ihre Grenzen liegen und wie man gut mit ihnen arbeitet.
Und noch etwas: KI darf nie als Selbstzweck eingeführt werden. Die Leute akzeptieren sie dann, wenn sie merken, dass sie ihre Arbeit besser macht – sicherer, stabiler, effizienter. Wenn das glaubwürdig vermittelt wird und wenn die Menschen erleben, dass ihre Erfahrung weiterhin zählt, dann entsteht nicht Bedrohung, sondern Gestaltungswille.
30.04.2026 | Autor: Nahed Hatahet
